Sonntag, 2. Februar 2014

Wanderlust

Wie es der Zufall will, hörte ich erstmals in meinem Studium von Vilcabamba, dem Tal der Hundertjährigen. Im Zuge einer Vorlesung, eingebettet in die Fachdisziplin „Anthropologie des Tourismus“, wurde sich der Vermarktung und Besonderheit jener Siedlung gewidmet. Zu seinem Beinamen kam es, nachdem Wissenschaftler herausgefunden haben sollen, dass überdurchschnittlich viele Menschen die Hundertermarke erreichen bzw. überschreiten. Sei dies nun der guten Luft, der Natur, dem Wetter, den Heilkräften des Wassers oder schlicht einer etwas übertriebenen Altersbestimmung der BewohnerInnen zuzuschreiben – das Tal der Langlebigkeit hat sich zu einem touristischen Ziel, wie kein zweites in Ecuador, entwickelt. Dabei ist jedoch nicht die Rede von Massentourismus; vielmehr werden spezielle Gruppen von Touristen angezogen: Hippies, Aussteiger, Öko-Touristen …, die hier das „alternative Leben“ frönen.

Es geht nicht darum, den Ort zu identifizieren, zu dem wir hingehen werden, sondern zu begreifen, wie der ideale Ort beschaffen sein müsste, zu dem jeder gerne hingehen würde.
Umberto Eco – Baudolino

Das idyllische Vilcabamba setzt sich aus einer Ansammlung ein- bis zweistöckiger Kleinhäuser zusammen, deren Zentrum ein Hauptplatz bildet, auf dem sich tagsüber das Leben abspielt. Ein persisch-vegetarisches Restaurant, eine französische Creperie und mexikanische Spezialitäten zeugen von der lokalen und internationalen Gegenwart vieler Ausländer und Dagebliebener. Tatsächlich ist die englische Sprache nicht minder präsent als das Spanische … Nichtsdestotrotz hat sich das Dorf seinen urgemütlichen und urentspannenden Charme bewahrt – bereits bei der Ankunft im ortseigenen Terminal erscheint mir die Hektik des Stadttreibens unwirklich weit weg und ich habe das Bedürfnis, nichts weiter zu tun, als mich auf eine Bank zu setzen, mit dem Gesicht gen wärmender Sonne, und dem gemächlichen Kartenspiel einer Gruppe Dorfältester zu lauschen.

 
 
LANGLEBIG
 
 
Die sechsstündige Busfahrt von Cuenca nach Vilcabamba, mit Zwischenstopp im Busbahnhof der Provinzhauptstadt Loja, bestreite ich nicht alleine, sondern im Beisein von Hugo.

Da sich das Heilige Tal, unter dessen Namen es auch bekannt ist, mit einer reichen Pflanzenwelt und einem ganzjährig milden Klima brüsten kann, ist es naheliegend, dass sich auch in mir Wanderlust regt und wir beschließen, einen der umliegenden Wasserfälle aufzusuchen. Mit Alltagskleidung, proviantlos und einer in groben Strichen skizzierten Wegweisung starten wir derart ausgerüstet unseren Ausflug.
 
Die Gebirgslandschaft, deren Wälder und sattgrüne Wiesen bis an den Horizont branden, ist von Tälern zersetzt, in denen Wasserläufe das Leben speisen. Wir folgen einem dieser Flüsse, über dessen Steinbett klares Wasser sprudelt. Nachdem wir den Ort hinter uns gelassen haben, verengt sich die Schotterstraße zu einem Trampelpfad, der durch ein dichtes Blättergewölbe führt. Es geht beständig aufwärts und nach einer Zeit verebbt das Rauschen des Wassers … Die Mittagssonne brennt vom Himmel und als wir das grüne Dach durchbrechen, fordert die Hitze bereits nach wenigen Schritten ihren Tribut – verschwitzt und durstig bietet sich uns jedoch eine (wortwörtlich) atemberaubende Aussicht. Es ist nichts zu hören, bis auf das Summen einiger Insekten und die Idee, sich hier auf unbestimmte Zeit von Wildfrüchten zu ernähren, Pilze zu sammeln, eine Ameisenkolonie zu züchten und des nachts in einer Baumkrone zu übernachten, gewinnt mit einem Mal an neuer Attraktivität …
 
Als wir ein Holzgatter passieren und uns darüber freuen, darüber auch in der Karte gelesen zu haben, werden wir plötzlich auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt: Zwei Einheimische, deren jener Weidenabschnitt gehört, informieren uns darüber, dass es auf diesen Wege nicht weiter gehe, man hätte eine Abzweigung verpasst und müsse den Fluss weiter unten queren. Auf dem Rückweg trete ich einmal ungünstig auf und rutsche prompt zwei Meter den abfallenden Hang hinunter, bevor ich mich, mit lediglich ein paar Aufschürfungen davonkommend, an einer Wurzel festkralle. Die einzige Reaktion des Einheimischen: Ja, hier muss man aufpassen. Mich über meine eigene Unbedarftheit ärgernd, stolpere ich seinem sicheren Tritt hinterher, die Augen fest auf den Boden gerichtet.
 
Am Ufer verabschieden wir uns dankend und bekommen von einem unterwegs angetroffenen Wanderer eine alternative Karte geschenkt. Nun stehen wir jedoch vor dem nächsten Dilemma: Unser ursprünglicher Plan verspricht eine Route auf der anderen Seite des Gewässers, während die Alternative davon mit drei roten Kreuzen und einem fetten „NO!!!“ abrät. Wir zögern nicht lange, geben unserem Abenteuerinstinkt nach und beginnen abermals mit dem Aufstieg, dieses Mal auf der anderen Seite des Flusses. Bald verliert sich der von Anfang an nur zaghaft angedeutete Pfad im Nichts und wir versuchen nur noch, auf schnellstmöglichen Wege die Bergkuppe zu erreichen, um von dort aus einen eventuell orientierenden Überblick zu haben.
 
Mit Geröll gefüllte Senken schränken unsere Gehmöglichkeit ein, sodass wir uns schlussendlich steil bergauf wagen, mehr auf allen Vieren als gehend, immer wieder an Gestrüpp Halt suchend. Wir erreichen eine weit abfallende Ebene mit einem Haus, wo uns jedoch zwei wild kläffende Hunde davon abhalten, den Besitzer um Rat zu fragen, und wir stattdessen den landwirtschaftlichen Betrieb mit gebührenden Abstand passieren. Erleichtert lesen wir in unserer Karte von jenem Gebäude – oder nehmen zumindest an, dass es so weit draußen nicht noch mehr Farmhäuser gibt … oder?
 
In Zickzacklinien rutschen und schlittern wir bergab, auf der Suche nach dem „cascada“, doch das uns erlösende Wasserrauschen bleibt aus … Hinzu kommt, dass die Sonne bereits die ersten Berggipfel in Brand steckt und tiefhängende dunkelgraue Wolken einen Wasserfall ganz anderer Art versprechen.
 
Schweres Herzens treten wir den Heimweg an bzw. schlagen uns durch unbekanntes Gebiet, bis schließlich - zu unserem Glück – wieder besagtes Haus in Sicht kommt. Unterwegs haben wir, als vermeintliche Abkürzung, den oberen Rand einer Senke gequert und ich löste mit einem unbedachten Schritt einen medizinballgroßen Felsbrocken aus, der in die Tiefen polterte. Wie erstarrt blieb ich stehen, unfähig mich zu rühren, mit den Gedanken an den Stein, der nur zu leicht auch einer von uns hätte sein können …
 
Nach knappen sechs Stunden, die mir wie eine kleine Ewigkeit vorgekommen sind, erreichen wir mit aufgeschürften Handflächen, zerkratzten Armen und mitgenommen Jeans Vilcabamba. Zumindest leben wir noch.

 
 
 
 
 
 
Neuer Tag, neuer Versuch: Wir haben uns in den Kopf gesetzt, diesen Wasserfall zu finden, und davon sind wir nicht abzubekommen … Nach wie vor ignorieren wir den bequemen Umstand, dass es von Guides und/oder Pferde geführte Touren gibt, und statten lediglich dem Tourismusbüro einen weiteren Besuch ab: Ja, tatsächlich, viele hätten Probleme, den Wasserfall zu finden … Man könne sich aber nicht erklären, wieso …
 
Der zweite Tag startet unter keinen guten Vorzeichen – kaum verlassen wir das Hostal, beginnt es zu regnen, und, wie immer einwandfrei ausgestattet, liegt unsere Regenkleidung vergessen im Zimmer. Und auch wenn man uns davor warnt, dass sich bei Regenfall die Wege in Schlammbäche verwandeln, und an Flussüberquerungen bei solch eine Wetter sowieso nicht zu denken sein, machen wir uns abermals auf den Weg; dieses Mal in Begleitung einer in Ecuador ansässigen Belgierin, die sich nun schon zum dritten (!) Mal auf die Suche nach dem mysteriösen Wasserfall macht.
 
Gewählt wird eine etwas andere Route: Wir beginnen viel früher mit dem Aufstieg; einen Pfad folgend, der sich kanalähnlich nach oben schlängelt. Anschließend werden wir mit einem Rundum-Ausblick belohnt, als wir entlang der Bergkuppe wandern. Ich fülle meine Lungen mit erfrischender Bergluft und spüre das Leben in mir pulsieren.
 
Früher als gedacht, erreichen wir die uns bereits bekannte Farm, wissen dieses Mal jedoch, dass das von uns angestrebte Haus noch weiter weg liegt. Bergauf, bergab marschieren wir, gelegentlich einem Bachlauf ausweichend, in gebührenden Abstand eines grasenden Stieres, in Beisein zwitschernder Vögel. Ich trinke das Wasser einer Naturquelle, mit dem Versprechen, dadurch mindestens 130 Jahre alt zu werden, und mache mich voller Energie auf den Weiterweg.
 
Wir passieren ein Gatter, klettern über einen Zaun und befinden uns schließlich auf einer freien Grasfläche mit angrenzendem halb verfallenen Steinhaus – von da aus beginnt unser steiler Abstieg. Die Wanderung beginnt mich mittlerweile immer mehr an eine Schatzsuche zu erinnern, an deren Ende jedoch etwas viel befriedigenderes als Gold oder Perlen stehen würde …
 
Und endlich – endlich! – vernehmen wir das Tosen herabstürzender Wassermassen. Tief verborgen in einem Blättermeer haben wir ihn nun doch gefunden – und die Mühe hat sich gelohnt, belassen wir es nämlich nicht nur bei einer Besichtigung, sondern baden auch in jenem Wasserfall.
 
Aber wie heißt es nicht so schön: Der Weg ist das Ziel.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Ausblick: Weihnachtsprogramm in der Fundacion – Ausstellung und Verkauf

 

Dienstag, 21. Januar 2014

Arbeitsresümee im November

Und wieder ein Monat, der zu Ende geht … Mittlerweile bin ich in „Terapia Ocupacional“ so zusagend „sesshaft“ geworden; die Herstellung von Handarbeiten macht den Abuelitos nicht nur Spaß, sondern trainiert gleichzeitig auch ihre Bewegungsfähigkeit.
 
Während im Vormonat großflächiges Malen (siehe Karton-Tiere) im Vordergrund stand, arbeiteten wir im November an neuen Projekten:
 
Eines davon waren die Globen. Vor meiner Abreise hatte ich ein selbstgemachtes Sparschwein von Fabian geschenkt bekommen und im Zuge dessen kam mir die Idee, ebenfalls etwas auf diese Weise zu fabrizieren. Zunächst wurden also erstmals säckeweise Zeitungspapier zerrissen, um dieses dann in vielen Schichten auf Luftballone zu kleben – Was für eine Arbeit! -, und nach dem Trocknen kamen Farbe und Pinsel zum Einsatz. Ich denke, das Endergebnis, das nun im „Wohnzimmer der Abuelitos“ bzw. Salon hängt, kann sich sehen lassen. Schön war auch, dass durch die verschiedenen und vor allem unterschiedlichen Arbeitsschritte, angefangen von Zerreisen bis hin zum Malen, viele Abuelitos eingebunden werden konnten. (Ein großes Dankeschön an Fabian!)


 
 
 
 
 
 
 
 


El baile de mi Sombrero - El chicanito del Ecuador


Viel Zeit in Anspruch nahm ebenfalls unser zweites Projekt - Pinguine. Jene stellten wir aus Plastikflaschen her, die die Abuelitos bemalten und anschließend mit Kulleraugen, Schal und weiteren Accessoires ausschmückten. Wider Erwarten hatten wir bei der Besorgung der Flaschen keine Probleme, da meine Familie im Rahmen der Familienessen regelmäßig 3-Liter-Flaschen Cola kauft und wir später mit Hilfe von „Externos“ (Abuelitos, die nicht in der Fundacion schlafen, jedoch den Tag über hier sind) zu weiteren kamen. Viel größeres Problem war da schon, dass die Wasserfarben bei unseren Erzeugungen binnen kürzester Zeit aufgebraucht wurden …

 
 
Die „sombreros“ der Pinguine kann man öffnen.
 
Des Weiteren bastelten wir an Miniaturbäumen, die die Abuelitos mit Klopapierrollen, Karton, Krepppapier und viel Farbe herstellten. Ganz im Zeichen der Natur standen auch die Blumen, die wir aus bemalten Eierkarton anfertigten. Und da bei dem großen Andrang der Abuelitos in der Küche nicht viel zu holen war, stand eines Tages eine der Externos mit einem riesigen Stapel vor der Tür. (Bis heute zehren wir von diesem Vorrat!) Da diese Arbeit – mit einigen Erweiterungen – jedoch einen großen Stellenwert im Dezember einnimmt, warte ich vorerst mit den Fotos. 

  
 
 
Da der 24. Dezember langsam immer näher rückte, durften natürlich auch ein paar weihnachtliche Arbeiten nicht fehlen: Unter anderem bastelten wir Engel und malten Zeichnungen mit religiös-weihnachtlichen Motiven aus, womit wir sogar den einen oder anderen Abuelito anlockten, der sich sonst eher selten bis gar nicht in „Terapia Ocupacional“ blicken lässt. Auf meine Idee hin – da man diesen Brauch hier nicht kennt – nähten vier Abuelitas vierundzwanzig Säckchen für einen Adventskalender, der für jeden Tag Süßigkeiten bereithalten würde …

 
 
 
 
 
Diese Buschreihe wird von uns gerne zweckentfremdet …
 
 
 
finaler Schliff, den Adventskalender betreffend -
rot-weiße Bänder für die Säckchen drehen

   
Doch verlassen wir nun einmal „Terapia Ocupacional“ und schauen, was sich sonst noch ereignet hat:
   
Wir begangen damit, an den Nachmittagen – vorzugsweise aus der Bibel stammende oder märchenhafte – Geschichten vorzulesen. Bzw. zähle ich mich vorerst nur zu den Zuhörern, da es mir in diesem Sinne noch an (sprachlichen) Selbstvertrauen mangelt.

Auch „Terapia Fisica“ organisierten wir regelmäßig; mit einer der Abuelitos, die noch relativ jung ist, immer in der Küche mithilft und mit Vorliebe geht, drehte ich zum Beine Vertreten zwei Mal eine Runde am gegenüberliegenden Friedhof. Ansonsten sind solche kleinen „Spontan-Ausflüge“ leider eingeschränkt, da die Fundacion, begrenzt von einer einerseits stark befahren und andererseits steilen (und sich noch dazu in Bauarbeiten befindenden) Straße, eher ungünstig gelegen ist.  
 
Eines Tages fand eine „Charla“ (Vortrag) statt, in dem neben den Abuelitos auch deren Angehörige eingeladen waren und über die Wichtigkeit der Familie gesprochen wurde. Dem gegenüber stand, dass bei über dreißig Abuelitos weniger als ein halbes Dutzend Familienmitglieder erschienen …  


 
Ausblick: Tal der Hundertjährigen – Wanderungen in Vilcabamba
 
 
 

Sonntag, 19. Januar 2014

Es war einmal ...

Der ursprünglich geplante Ausflug erfährt eine spontane Änderung, als wir auf halben Wege zu einer Kapelle am Haus vierer Ordensschwestern anhalten. Nach zwei Autofahrten, die jeweils von den Praktikanten, Faby und Christina, und mir begleitet werden, haben etwa fünfzehn Abuelitos das Grundstück erreicht, wo wir – trotz unseres überraschenden Besuches – mit aller Gastfreundschaft begrüßt werden. Das Haus liegt in Tamaute, ein Örtchen, noch kleiner als Chordeleg, nur einen Straßenzug entfernt, und wurde früher vom Dorfpfarrer bewohnt und her- bzw. eingerichtet, bis es dieser an die Schwestern vermachtet hat.
 
Da wir pünktlich zum Mittagessen wieder in der Fundacion sein müssen, ist unsere Zeit begrenzt. Nach unserer Ankunft gibt es für alle Abuelitos „refrigerio“ (Jause) – Käsebrote mit Saft – auf der sonnenbeschienenen Terrasse. Im Anschluss daran starten wir eine kleine Erkundungstour:
 
Beim Betreten des Hauses fühlt man sich unweigerlich in eine andere Zeitepoche versetzt; es erinnert an ein Museum, mit dem Unterschied, dass das Gebäude tatsächlich bewohnt ist – auf dem antiken Herd köchelt Reis und im hölzernen Vogelkäfig zwitschern Wellensittiche. Liebevoll und mit viel Kreativität wurden die Räumlichkeiten bis ins letzte Detail eingerichtet, wobei dunkles Holz und grober Stein dominieren. Die Zimmerdecken gleichen Gemälden, Efeugewächs rankt sich entlang eines Holzbalkens und eine handbetriebene Nähmaschine scheint nur auf ihren Einsatz zu warten … In solch einer Umgebung fügen sich die Abuelitos mit ihren landestypischen Trachten nahtlos ein und könnten glatt einem Märchen entsprungen sein.
 
An der Vorderfront des Hauses befindet sich eine halbrunde Terrasse, die Ausblick auf die sattgrünen umliegenden Berghänge bietet und deren Treppe in den Garten führt. Ein Teich mit Brücke, kleine Wege und eine Blumenpracht laden zum längeren Verweilen ein und haben trotz ihrer Gepflegtheit eine gewisse Wildheit behalten. Ein Gemüsegarten schließt das idyllische Bild ab.
 
Bevor wir auch schon wieder abgeholt werden, schlendern wir noch entlang eines in unmittelbarer Nähe verlaufenden Flusses. Neben uns grasen Kühe, während sich das Kalb mit einem Hund tollt, die Sonne strahlt vom blitzblauen Himmel … und das Auftauchen von Schneewittchen in Beisein ihrer sieben Zwerge würde mich nun wohl kaum weiter verwundern.


 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Ausblick: Arbeitsmonat November – Resümee
 

 

Dienstag, 14. Januar 2014

El Cajas

Seit meiner Reise nach Guayaquil, im Zuge derer ich den Nationalpark „El Cajas“ durchquerte, habe ich mir fest vorgenommen, den Park baldmöglichst einen Besuch abzustatten …
 
An einem Samstagmorgen nehme ich einen Bus von Chordeleg nach Cuenca, treffe mich dort mit Hugo und zusammen brechen wir zum unweit gelegenen Nationalpark auf. Jener zeichnet sich durch ein spezielles Landschaftsbild aus: Da die gesamte Fläche oberhalb von 3000m gelegen ist, bestimmen Kälte, Regen und Nebel das Klima. Gleichzeitig türmen sich Wolken zu eindrucksvollen Gebilden, die ganze Gebirgszüge zu verschlucken scheinen, und wenn die Sonne hervorblitzt, kann man bei klarer Sicht eine kilometerweite Aussicht genießen. Das gebirgige Gelände weist einen spärlichen Baumbestand auf; stattdessen dominieren hüfthohe Gräser und Gebüsch in erdigen Farbtönen jedweder Schattierung. Bekannt ist „El Cajas“ insbesondere für seine Seen, von denen es, neben unzähligen Teichen und Sümpfen, über 230 gibt, die alle durch natürliche Wasserkanäle in Verbindung stehen und viele größere Flüsse, die später in den Amazonas oder Pazifik münden, speisen. Bei Regenfall treten zahlreiche kleine Wasserfälle und Bäche zu Tage und die ansonsten spiegelglatten, beinahe schwarz wirkenden Oberflächen der Seen werden aufgewirbelt. Während der Busfahrt passieren wir dutzende „Fischervereine“ – neben der berühmt berüchtigten „trucha“ (Forelle) kann man hier nämlich eine Vielzahl an Speisefischen probieren.
 
Unser Besuch startet nicht unter den besten Voraussetzungen – immer wieder setzt Nieselregen ein und mit Straßenschuhen und Alltagskleidung können wir uns wohl kaum als „gut ausgerüstet“ bezeichnen. Dies jedoch alles getrost missachtend, beginnen wir mit der Umwanderung einer der größten im Nationalpark befindlichen „lagunas“. Immer wieder zweigen wir ab, queren Baumhaine und halten die uns weitgehend unbekannte Pflanzenvielfalt mit der Kamera fest. Und so wie wir zuvor den Nieselregen erfolgreich ignoriert haben, so gelingt es uns auch jetzt, die sich über uns zusammenballenden Gewitterwolken zu ignorieren. Als wir den See etwa zu einem Drittel umrundet haben, setzt der für all die bereits umgekehrten Besucher offensichtliche und für uns überraschende Regen ein. Sintflutartig droht er uns regelrecht wegzuschwemmen und als statt Wassertropfen Graupel vom Himmel fallen, suchen wir notdürftig Schutz unter einem Baum Strauch. Dort harren wir einige Minuten auf, entscheiden uns aber dann, den Rückweg anzutreten. Wie vorauszusehen, schwimme ich bereits nach den ersten Metern in meinen Schuhen und bin bis auf die Haut durchnässt. Zurück auf der Zufahrtsstraße klaubt uns jedoch glücklicherweise ohne lange warten zu müssen ein Bus auf, der zumindest etwas Wärme verspricht. 
 
Ein weiterer Besuch im „El Cajas“ (mit besseren Wetter) ist also definitiv geplant; wie wir aber sehen werden, habe ich auf meinen zukünftigen Wanderungen gewand- und schuhmäßig kein bisschen dazugelernt …

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Ausblick: märchenhafter Ausflug mit den Abuelitos
 
 
 

Montag, 13. Januar 2014

Meeresluft

Wer hätte gedacht, dass ich so rasch wieder nach Peru komme?

Nachdem wir einen Samstag vorgearbeitet haben, nehmen wir uns den darauffolgenden Freitag frei und brechen am Vorabend nach Cuenca und von dort nach Huaquillas auf. Zu „Wir“ zählen neben meiner Wenigkeit, zwei weitere Freiwillige, die in derselben Fundacion mit Schulkindern arbeiten, und Hugo, bereits erwähnter Praktikant. Die Nacht dürfen wir großzügigerweise im Haus von Hugos Mutter verbringen und auch der Besuch bei der ecuadorianischen Ausreise- und peruanischen Einreisebehörde gestaltet sich unkompliziert.
 
Mancora, ein Ort im Norden Perus, erreichen wir nach mehrstündiger Fahrt, wobei die Straße durchwegs der Küstenlinie folgt und es uns somit nicht an (Meeres)Aussicht mangelt. Am Fenster ziehen Häuseransammlungen vorbei, in deren spärlichen Schatten Menschen schwatzen, Fischernetze flicken oder ihre Hängematten aufgespannt haben.
 
Von der belebten Hauptstraße Mancoras, durch deren Verkehrsgewühl sich die Autorikscha-Taxis (dreirädriges Fahrzeug)mit halsbrecherischer Geschwindigkeit wendiger Sicherheit ihren Weg bahnen, zweigen staubige Sandstraßen ab, die direkt ans Meer führen. Das Dorf lebt vom Tourismus (umso froher bin ich, den Strand in der Nebensaison genießen zu können); viele der einstigen Urlauber sind hier aber auch schon hängen geblieben …
 
Das Hostal, in dem wir einquartiert sind, scheint auch der vorübergehende Wohnort einer Gruppe Argentinier zu sein, die sich ihre Reise mit Straßenmusik und Schmuckverkauf finanzieren. Apropos – meines Erachtens nach sind Argentinier und Deutsche die hier in der Umgebung am häufigsten anzutreffenden Reisenden.
 
Wie geahnt und befürchtet vergehen die Tage wie im Fluge – Tage, die neben Entspannung, Sonne tanken und Schwimmen, nicht viel mehr zulassen. Der weitläufige Sandstrand lädt zu ausgedehnten Spaziergängen ein; unvergleichlich auch das funkelnde Himmelszelt zu Nacht, wenn bis auf die Brandung des Meers nicht viel mehr zu hören ist … Im Hafen schaukeln Fischerboote, streiten sich Möwen und Pelikane um das beste Stück Fisch und erfüllt das Gelächter einer vom Landesteg springenden Kindergruppe die Luft. Das Wasser ist zu meiner Freude sauber und die Wellen versprechen nicht nur den Surfern, sondern auch uns eine Menge Spaß. Mit Hugos Bruder, der einen Tag später dazu stößt, besuchen wir einen über dem Ort thronenden Leuchtturm – gerade rechtzeitig, um von dort aus den Sonnenuntergang zu beobachten.


 
 
 
Rechtsanwaltkanzlei
 
 
 
 
 
 


 
 
Ich denke, es spricht für das Wetter, dass auf den Fotos keine einzige Wolke zu entdecken ist. Nichtsdestotrotz ist es nachts empfindlich kühl geworden.
 
Kleine Notiz am Rande: Die Währung in Peru nennt sich „Sol“ (Sonne). Schön, oder?
 

 
 
Ausblick: Nationalpark „El Cajas“ – sintflutartige Überraschung