Dienstag, 1. Oktober 2013

Und Umgebung

Eines ist gewiss: Während des Busfahrens kommt bei mir nie Langeweile auf. Seien es Musiker, die während der Fahrt mit Gitarrenklänge für Unterhaltung sorgen, Händler, die in höchsten Tönen Wunder vollbringende Heilmittel anpreisen (und im Zweifelsfall mit abschreckenden Krankheitsfotos nachhelfen), oder Frauen, die mit Essen gefüllten Körben den Gang entlang schreiten bzw. (aufgrund der meist halsbrecherischen Fahrweise) wanken. Ganz zu schweigen von der Umgebung, die am Fenster vorbeizieht ... Und davon bekomme ich zum Glück etwas mehr zu sehen, als mich diverse Ausflüge außerhalb Quitos führen:

Hinter der Bezeichnung Mitad del Mundo - "die Mitte der Welt" - verbirgt sich eine monumentale Steinsäule mit integrierter  Aussichtsplattform, um die herum ein künstliches (Tourismus-)Dorf entstanden ist. Zugegebenermaßen klang es für mich auf den ersten Blick wenig reizbar. Dort jedoch auf der gelb eingezeichneten Äquatorlinie entlang zu balancieren [siehe Foto], kam einem unvergesslichen Gefühl gleich. Allzu oft ist die Möglichkeit ja nicht gegeben! Zeitgleich fand ein Auftritt einer Gruppe Musiker statt, die besonders in der (Tanz-)Animation wahre Ausdauer - und Rhythmusgefühl! - bewiesen. Am selbigen Abend komme ich auch in den Genuss eines interessanten Gespräches mit einer im Hostal wohnenden venezolanischen Familie, während diese mit der Zubereitung traditioneller Arepas (runde Maisfladen; nur zu empfehlen) beschäftigt ist.
 
Foto von Steffi
 
Der Ort Otavalo liegt nördlich von Quito und lockt mich aufgrund seines Kunsthandwerkmarktes. Die  Otavalenos zählen nicht grundlos zu den wirtschaftlich erfolgreichsten Indigenen des Landes: In beinahe jeder Stadt Ecuadors sind sie mit zumindest einem Laden oder Stand vertreten und exportieren auch Ware ins Ausland. Während es täglich die Möglichkeit gibt, den Markt zu besuchen, ist jener am Samstag der größte und am meisten besuchte. Der Platz im Zentrum des Dorfes ist reich bestückt: Die Holzbalken der Stände biegen sich unter Bergen an Taschen, Tücher und Decken. Auf Kleiderbügeln reiht sich eine Farbenpracht an Ponchos und Wollpullovern und die zum Verkauf ausgebreiteten (Wand-)Teppiche gleichen mit ihren landestypischen Motiven und Mustern einer Ausstellung in einer Kunstgalerie. Mein Staunen setzt sich fort, als ich entlang der Tische schlendere, auf denen sich Schmuck und Skulpturen aus Stein oder Holz reihen. Ich muss nur einen flüchtigen Blick auf einen Gegenstand werden - schon steht ein/eine VerkäuferIn an meiner Seite, mit zwanzig verschiedenen Ausfertigungen jenes Stückes. Gleichzeitig bleiben sie den Touristen gegenüber immer herzlich und aufgeschlossen und, was den Markt in meinen Augen noch auszeichnet, ist die wohltuende Ruhe - es gibt kein Geschrei, kein Gezeter, keinen Lärm. Ich selbst verlasse den Ort mit einer Tasche und Wollsocken - früh genug würde ich erfahren, welch ein Gewinn dieses Kleidungsstück hier für mich darstellt! Wir lassen den Tag in einem Restaurant ausklingen, dessen Dachterrasse einen Rundum-Blick über das nächtliche Lichtermeer Quitos bietet.
Ecuador verfügt über eine Vielzahl vulkanisch gespeister Thermen - eine davon nennt sich Papajactta. Wie man es schafft, für eine Strecke, die normalerweise in zwei Stunden zu bewältigen ist, doppelt so lange benötigt: Man fährt mit vier verschiedenen Bussen, missachtet den Rat einer Einheimischen, ist ungeduldig und steht eine knappe halbe Stunde am Rande einer vierspurigen Straße, wo man zwischen Abgas- und Staubwolke wählen kann (Oder auch nicht.). Unser vierter und schlussendlich richtiger Bus schlängelt sich eine unbefestigte Straße beständig aufwärts (Als hätten wir in letzter Zeit nicht schon genug Höhenluft geschnuppert inhaliert!) und als es schließlich auch noch zu regnen beginnt und der Nebel von allen Seiten gegen die Fensterscheiben drückt, kommt mir nicht nur einmal der Gedanke: "Einen halben Meter zur Seite und wir er- und höchstwahrscheinlich nicht überleben einen Fall in die Tiefe." Bei einer unscheinbaren Häuseransammlung nehmen wir ein Taxi, das uns einen genauso unscheinbaren Weg zu besagten Heilbad führt. Am Eingang begrüßt uns ein mit Haube und Handschuhen ausstaffierter Mann in Daunenjacke - die Aussicht gleich in Bikini zu schlüpfen ist folglich weniger verlockend, als vielmehr Gänsehaut auslösend. Entgegen aller Anfangsschwierigkeiten entpuppt sich der Ausflug jedoch als unvergleichliches und insbesondere entspannendes Erlebnis. Die Anlage selbst besteht aus mehreren Becken, die sich durch ihren Wärmegrad unterscheiden - eines ist sogar derart heiß, dass ich mich nur in die Nähe der sprudelnden Quelle setzen kann und danach im immer wieder einsetzenden Nieselregen Abkühlung suche. Im Laufe des Nachmittags wird der Nebel dichter und schließt sich wie ein Kessel über uns. Nach einigen Metern lösen sich die umliegenden Wälder im weißen Nichts auf und mit dem im Hintergrund unsichtbar rauschenden Fluss meine ich, mich in einer völlig anderen - eigenen - Welt zu befinden. Beim Rückweg holt mich wohl oder übel abermals die Kälte ein, doch der Bus lässt auf sich warten ... In einem an der gegenüberliegenden Straßenseite parkenden Lastwagen türmt sich eine Unzahl an Früchten und Gemüsesorten bis an die Decke. Hier einen Überblick zu bewahren, würde mich schwer fallen!
Am Stadtrand Quitos befindet eine Seilbahn – teleferico -, die mich bereits seit meiner Ankunft reizt, aber derart hoch liegt, dass ich meinem Körper vorsorglich etwas Eingewöhnungsphase zugesprochen habe. Die Bahn hält auf knapp 4000m Höhe und von dort ist mir ein phänomenaler Ausblick vergönnt [siehe Fotos]. Flankiert von Berghängen erstreckt sich die Hauptstadt weit von Nord nach Süd. Am Horizont bauschen sich Wolkentürme über Berggipfel und es ist auf einmal empfindlich kalt. Am Bergrücken entlang, gehe – bzw. keuche - ich einige hundert Meter weiter hinauf, wo ich mich dann im geschützten Hang ins wogende hüfthohe Gras fallen lasse.


 
 

 
Ausblick: Weiterreise – Sprachkurs in Cuenca

4 Kommentare:

  1. großartige fotos, beeindruckende landschaft. wow!

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  2. einen (wand)Teppich hab ich schon, aber ein wollpulli wäre fein :-)

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    1. Stimmt, beim Einkauf war ich ja sogar dabei. :D Ist notiert. (;

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  3. Hallo Naomi!
    Wir würden Dich gerne hören und sehen!
    Wir wünschen Dir Gesundheit und Freude an jedem Tag!
    Olja und Anton, Nastia und Nikita!
    Lade uns zum Skypen ein!

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